Ich hatte gedacht, man hielte heutzutage "Ehre" für einen antiquierten Begriff, der in der hierarchischen Gesellschaft seinen Ursprung hatte, aber in unserer egalitären Gesellschaft - in der doch alle Menschen gleich sind - keine Rolle mehr spielt.

Wie aber kommt es dann, dass Helmut Kohl sein Schicksal sowie das der CDU, vielleicht sogar das der Demokratie, vom Begriff der Ehre - seiner Ehre - abhängig macht? Ja, was ist eigentlich Ehre? Wann ist dieser Begriff zu einem entscheidenden Kriterium der Gesellschaft geworden?

Auf diesen ritterlichen Ehrbegriff geht die Auffassung zurück, bei einem Angriff auf die Ehre sei für Adel und Offiziere das Duell Pflicht. Diese Sitte hat sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten. In meiner Familie ging ein großer Besitz verloren, weil der einzige Erbe als Neunzehnjähriger 1810 im Duell gefallen war. Und für Offiziere wurde die Ehrengerichtsbarkeit erst in der Weimarer Zeit abgeschafft.

Auch der Stand der Kaufleute hatte seinen Ehrenkodex, aber der forderte nicht ritterlichen Mut und Tapferkeit, sondern bürgerliche Ehrbarkeit, Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit. Ob die Hamburger Kaufleute sich darüber im Klaren waren, als sie Kohl eine Sonderehrung zuteil werden ließen?

Doch wie passt Helmut Kohls Ehrgefühl in diesen historischen Abriss? Während in der frühen Zeit das Urteil der anderen, die Reputation, also die "äußere Ehre" entscheidend war, hat im 18. und 19. Jahrhundert ein Wandel stattgefunden, hin zur "inneren Ehre", entsprechend Kants Begriff der "sittlichen Autonomie des Menschen". Eine Ehre also, die vom Menschen selbst, von seinem eigenen sittlichen Urteil abhängt.

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Diese Ehre verlangte viel: Als Friedrich der Große an den Justizminister von Münchhausen das Ansinnen richtete, er solle ein bereits gefälltes Urteil umstoßen, schrieb dieser: "Mein Kopf steht Eurer Majestät zur Verfügung, aber nicht mein Gewissen." Und der Oberst von der Marwitz, der das sächsische Schloss Hubertusburg hatte plündern sollen, weil die Sachsen zuvor die wertvolle Antikensammlung des Königs in Berlin mutwillig zerschlagen hatten, quittierte den Dienst und ließ auf sein Grab schreiben: "Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte."

Wo aber wird denn Kohl etwas zugemutet, was seiner Ehre widerspricht? Zur Ehre gehört doch, wie es das Standesbewusstsein vorschrieb, dass der "Ehrenmann" seine Pflicht tut. Und Kohls Pflicht ist es zweifellos, die Namen der anonymen Spender zu nennen. Fraglich ist allein, ob jemand überhaupt ein Ehrenmann sein kann, der jahrelang seine Pflicht verletzt und der Verfassung untreu wird, ein Parteichef, der sich systematisch über das von ihm zu hütende Parteiengesetz hinwegsetzt.